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Reiseberichte Projekt „Hilfe zur Selbsthilfe“ / Eine Reise nach Gambia

Projekt „Hilfe zur Selbsthilfe“ / Eine Reise nach Gambia

Reisebericht über den Aufenthalt im April 2011 von Sieglinde Kopf

Mit meinem Mann, vier Vereinmitgliedern und den beiden Vorständen des Vereins „Hilfe für West-Afrika“ aus Mössingen-Talheim (Baden-Württemberg) reiste ich am 14.04.2011 für 2 Wochen nach Gambia, um die dortigen Entwicklungshilfeprojekte zu unterstützen. Dort angekommen erwartete uns neben 35 Grad der Schulleiter, Herr Kalipha Jobe und eine ca. 15-köpfige Abordnung der von uns unterstützten John Pickering Comprehensive Senior Secondary School aus Lamin Daranka.

Nach einer herzlichen Begrüßung wurden wir samt unserem Gepäck von Herrn Kwamla Elliot und seinem Mitarbeiter Herrn Belford zu unseren Unterkünften gebracht. Herr Elliot ist Eigentümer einer Gasfabrik in Banjul, der Hauptstadt Gambias, und unterstützt unseren Verein u.a. durch Geldspenden z. B. zur Finanzierung der Container-Transporte (ein Container kostet 6.000 Euro). Außerdem stellt er LKWs und Personal zum Abtransport und Entladen der Container zur Verfügung. Dieses Jahr wurden 3 Container mit Paketen für die Patenkinder, Fahrrädern, Nähmaschinen, Stoffen, Computern, Krankenhausbetten, Medikamenten, Kleidung, Schuhe, allerlei Saatgut und sehr vielen Marmeladengläsern nach Gambia verschifft. Nach einer ersten sehr warmen Nacht fuhren wir zu unserer Schule nach Lamin Daranka, um uns mit dem Schulleiter, Herrn Jobe, auszutauschen. Dort wurde auch das Warenlager inspiziert und wir mussten feststellen, dass nach afrikanischer Art sämtliche angelieferten Pakete querbeet gelagert waren. Daher dauerte es einige Stunden und jede Menge Schweiß um die mit Nummern versehenen Pakete zu sortieren und diese dann dem jeweils vorgesehenen Projekt zuzuordnen. Die Lamin Daranka Schule war wegen der Osterferien geschlossen. Doch wurde an zwei Tagen die Pforte für die Schulkinder geöffnet, um die Patenpakete zu übergeben. Trotz teilweise großer Entfernungen vom Heimatdorf zur Schule konnten mehr als 2/3 der Pakete einen glücklichen Empfänger finden (die restlichen Pakete erhalten die Kinder nach den Ferien). Staunend nahm ich wahr, dass die Kinder teilweise Schuhe trugen, die mehr als eine Nummer zu groß waren. Diese waren von Nachbarn oder Freunden ausgeliehen, um an diesem Tag besonders hübsch zu sein.

 

Spannend zu sehen war die Produktion von Mango und Papayamarmelade, die im Skill-Center der Schule hergestellt wird. Gambia selbst hat keine Rohstoffe, außer vielen Mango- und Papayabäumen, wobei aufgrund der Menge ein großer Teil der Ernte verrottet. Daher hatte Frau Renate Müller, die Vereinsvorsitzende, vor 3 Jahren die Idee, das Gold der Gambier - konserviert als Marmelade - in Gläser zu füllen. Dieses Projekt scheint jetzt zu einem Selbstläufer zu werden, denn die Nachfrage nimmt stetig zu. Das Gambische Fernsehen wird demnächst einen Bericht über die Marmeladenherstellung drehen. Gibt es eine bessere Werbung? Der einzige Wermutstropfen ist, dass in Gambia selbst keine Gläser zur Verfügung stehen. Also gilt es nun für uns, die Beschaffung und Verschiffung von Marmeladegläsern und Gelierzucker von Deutschland nach Gambia mittels weiterer Spenden zu organisieren.

Ein anderes sehr wichtiges Projekt unter unserem Motto ‚Hilfe zur Selbsthilfe’, ist die IT-Ausbildung von jungen Männern und Frauen sowie die Ausbildung von Schneidern (zum Designen und Herstellen unterschiedlicher Stoffprodukte wie Kleider, Taschen usw.) in unserem Skill-Center. Dem Center wurden durch Spenden aus Deutschland Computer und Nähmaschinen, inkl. Stoffen für Ausbildungszwecke zur Verfügung gestellt. Daher war es für mich und meinen Mann ein besonderes Highlight, den erfolgreichen IT-Absolventen das Abschlussdiplom überreichen zu können - zumal mein Mann für die Spende der PCs und Monitore gesorgt hatte. Wie immer in Afrika war auch dieses mit viel Palaver und einer 3-stündigen Zeremonie verbunden. Voller Stolz wurden auch die Näharbeiten und Bilder der Kunststudenten den interessierten Gästen präsentiert. Der Gouverneur der Provinz eröffnete außerdem zusammen mit dem Schulleiter und meinem Mann das neue umgebaute und vergrößerte IT-Center.

Bedingt durch die zahlreichen Reisen nach Gambia und den daraus entstandenen Kontakten unterstützen einige Vereinsmitglieder quasi in einer 1:1-Beziehung auch Gambische Familien in sogenannten ‚Familienprojekten’. Diese Hilfe beschränkt sich jedoch z. B. auf die Übergabe eines Reissackes, Hühnern und die Übergabe von persönlich mitgebrachter Kleidung und Schuhen. Die Familien wohnen nicht weit von Banjul entfernt und dennoch war es unglaublich, in ein Dorf zu fahren und die Kinder rufen zu hören „Tubabs, Tubabs“, was heißt ‚Weiße’ in der gambischen Landessprache. Schnell wurden wir nach unserer Ankunft von Kindern, aber auch Erwachsenen umringt. Besonders berührt haben mich die Kinder, die zunächst auf Abstand waren, aber stetig näher an die ‚Weißen’ rückten, um eine Hand, einen Finger zu erhaschen, um nachzuschauen, ob sich unter der weißen Haut nicht doch noch schwarze Haut verbirgt. Auffallend waren die vielen Kinder mit dicken Bäuchlein. Diese Kinder leiden unter Würmern, erklärte mir Frau Müller, da Entwurmungsmittel fehlen, bzw. es diese in Gambia nicht gibt.

Ein Familienvater mit 3 Kindern zwischen 2 und 8 Jahren zeigte uns voller Stolz sein Haus. Zwei Räume mit Fensteröffnungen, natürlich ohne Glas. Schränke und Tische gab es nicht in diesem Haus. Nur eine Matratze zum Liegen oder Sitzen, ein Bett, ein Stuhl und ein uraltes 2-Sitzer-Sofa aus Holz mit einer verrotteten Auflage. Die Küche, der Herd ist eine Feuerstelle im Freien, ebenso die Toilette ein Loch im Boden. Moskitonetze zum Schutz gegen die Malaria, die besonders wichtig in der mehrmonatigen Regenzeit wären, gab es nicht. Die Freude der Familie über die mitgebrachten Lebensmittel und Saatgüter, sowie Kleidung und Schuhe war unbeschreiblich. Daneben erhielten auch andere anwesende Dorfbewohner das eine oder andere von uns mitgebrachte Kleidungsstück und Schuhe. Auch hier war die Freude nicht zu übersehen.

Die Planung des Vereins sieht ein weiteres Projekt in Dankunku, einem Dorf mit ca. 2.000 Einwohnern im Landesinneren, ca. 200 km von der Hauptstadt Banjul entfernt, vor. Herr Jobe, der Schulleiter, und einige Angestellte der Schule, kommen von dort. Die Fahrt nach Dankunku von ca. 6 Stunden war ein weiteres Erlebnis. Asphaltierte Straßen gibt es nur sehr wenige und diese hören dann irgendwann auf und dann geht es nur noch über ausgewaschene Sandpisten weiter. Staubbedeckt und müde kamen wir in Dankunku an. Dort erwarteten uns schon einige der Dorfältesten und überraschten uns mit 3 neuen aus Lehm erbauten und mit Palmplättern bedeckten Rundhäusern. Die einzige Möblierung bestand aus einem Palmholzgestell zum Schlafen. Unsere erste Aufgabe bestand daher das ‚Bett’ moskitofest herzurichten und die mitgebrachten Schlafsäcke und Auflagen aufzubringen. Eine Dusche, fließendes Wasser oder gar Strom im Dorf? Fehlanzeige. Nach einer kurzen Ruhepause wurden wir von den Dorfbewohnern zum Essen eingeladen. Benachin ist das landestypische Gericht aus Reis mit verschiedenen Gewürzen, wahlweise mit Stücken von Rind, Ziege, Lamm, Hühnchen oder Fisch, einer Art Weißkohl und einer Wurzel, die unserer Kartoffel sehr nahe kommt. Benachin gab es übrigens immer, wenn wir bei Einheimischen zum Essen eingeladen waren. Wie immer wurde unser Essen auf einer offenen Feuerstelle zubereitet.

Am frühen Abend versammelten sich die Dorfbewohner auf dem Dorfplatz. Nach dem üblichen das Palaver eröffnenden gemeinsamen Gebets durch den Iman, informierte Herr Jobe die Anwesenden, unter denen sich auch der optisch auch von uns erkennbare Medizinmann befand, die Dorfbewohner über unser geplantes, neues Projekt: Aufbau eines weiteren Skill-Centers zur Produktion von Marmelade. Dabei wurde auch, zur großen Freude der Anwesenden, die Erwähnung der mitgebrachten medizinischen Hilfsgüter für das ‚Dorfkrankenhaus’ nicht vergessen. Nach ungefähr 1 ½ Stunden - es war inzwischen schon stockdunkel, nur eine mitgebrachte LED-Leuchte brannte - wurden wir auf den großen Versammlungsplatz gebeten. Dort tanzten für uns die Dorfbewohner beeindruckende afrikanische Tänze mit toller musikalischer Begleitung. Bei ca. 35 bis 40 Grad Lufttemperatur gingen wir gegen 23.00 Uhr in unsere Lehmhütten zum Schlafen, gut bewacht bei offenen Türen und Fenstern von den Dorfbewohnern, insbesondere zum Schutz gegen Hyänen, die manchmal des nachts durch das Dorf streifen. Am nächsten Morgen ging es erneut auf den großen Versammlungsplatz. Dort gab es wieder viele Ansprachen von beiden Seiten mit Übergabe von Modeschmuck an die wichtigsten Dorffrauen, das ist wichtig und muss so sein, haben wir gelernt. Anschließend erfolgte die Übergabe der mitgebrachten Hilfsmittel, wie Betten für die Krankenstation, Arzneimittel, Saatgut, Fahrräder, eine Motorsäge, Kleidung und Schuhe an die Dorfältesten zur Verteilung an die Dorfbevölkerung. Nach einem Mittagessen, Benachin mit Ziegenfleisch, fuhren wir am Nachmittag dann wieder zurück in Richtung Banjul.

Ein mitreisendes Vereinsmitglied sagte einmal zu mir: ‚Wenn Du wieder zu Hause bist, wirst Du es genießen, eine funktionierende Toilette, fließendes Wasser und dauerhaft Strom zu haben’. Ich kann inzwischen dem nur zustimmen. Doch trotz des vielen Schweißes, der fehlenden europäischen Toilette und der Dusche sowie der mangelnden Hygiene, möchte ich die Zeit in Gambia nicht mehr missen. Es war eine anstrengende Zeit, teilweise mit wenig Schlaf und dafür, dass wir in ‚Urlaub’ waren, mit viel Arbeit verbunden. Ein Teil meines Herzens ist bei den Gambiern geblieben. Trotz der teilweise sehr schwierigen Lebensumstände strahlen diese Menschen so viel Lebensfreude und Wärme aus, verbunden mit Werten, die hierzulande teilweise am verkümmern sind. Viele Eindrücke und Bilder haben sich unauslöschlich in meinem Kopf eingeprägt und die Rückkehr zu ‚Business as usual’ ist bei diesen Erinnerungen nicht einfach. Wie sagte vor dem Abflug nach Gambia ein mitreisender Freund zu mir: ‚Du wirst nach der Rückkehr nicht mehr die sein, die du warst bei der Anreise’. Und er behielt recht. Daher werde ich das wichtigste Ziel des Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe“ durch Patenschaften für Kinder und Jugendliche in der Schul- und Berufsausbildung auch künftig weiter aktiv unterstützen. Ergänzt um die Unterstützung im medizinischen Bereich und der Hilfe für die Bestellung von Feldern durch Lieferung von Saatgut sowie der weiteren Produktion von Marmelade ‚Made in The Gambia’. Der Verein benötigt Hilfe in Form der Übernahme von Patenschaften. Mit EUR 65,- im Jahr wird einem Kind für 1 Jahr der Schulbesuch mit Schuluniform und täglich einer warmen Mahlzeit ermöglicht. Auch Geldspenden u.a. zur Finanzierung der Container nach Gambia zum Kauf von Einmachgläsern, Gelierzucker und weiterer Hilfsgüter sind dringend notwendig und daher sehr willkommen.

 

 

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